Das Forum brachte Designer*innen, Policy-Fachleute, Forschende und institutionelle Vertreter*innen zusammen und widmete sich einer gemeinsamen Herausforderung: Obwohl Europa bereits über umfangreiches Wissen, Daten und Werkzeuge verfügt, wird Design in Entscheidungsprozessen noch viel zu oft nur nachträglich berücksichtigt. Im Fokus des Tages stand, wie Design strukturell stärker in Governance, Policy und öffentliche Innovation eingebettet werden kann — nicht als Dekoration, sondern als strategischer Treiber gesellschaftlichen Mehrwerts.
Eröffnungsimpulse: Design als Treiber von Policy
Das Forum begann mit Begrüßungsworten von Mark Illi, BEDA-Präsident und Vertreter der Swiss Design Association (SDA), gefolgt von Jesko Rölz vom Bayerischen Staatsministerium für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie. Gemeinsam setzten sie den institutionellen Rahmen für den Tag und betonten die wachsende Relevanz von Design innerhalb regionaler und europäischer Innovationsökosysteme.
Ein zentraler Eröffnungsimpuls kam von Christina Melander, BEDA Past President, vom Danish Design Centre. Ihr Appell nach stärkeren, kohärenteren Design-Policy-Rahmenwerken zog sich wie ein roter Faden durch das gesamte Forum. Melander unterstrich, dass Design nicht länger als nachrangiger Aspekt behandelt werden darf; es muss auf allen Entscheidungsebenen tief verankert sein — von der öffentlichen Verwaltung bis in die Vorstandsetagen.
„Design darf nicht länger nur nachträglich berücksichtigt werden, sondern muss als zentraler Treiber der Entscheidungsfindung auf politischer und organisationaler Ebene verankert sein.“ – Christina Melander, Danish Design Centre
Kartierung von Europas Design-Policy-Landschaft
Das Vormittagsprogramm wurde mit Einblicken aus dem MADres-Projekt fortgesetzt, der von der EU kofinanzierten Initiative von BEDA zur Kartierung von Design Policy in Europa. Das MADres-Team präsentierte Ergebnisse aus nationalen Policy Labs und vergleichender Forschung und positionierte Design als Living Design Policy Framework, das sich parallel zu Europas digitalen, ökologischen und sozialen Transformationen weiterentwickelt. In der Session wurde hervorgehoben, wie evidenzbasierte Policy-Tools eine kohärentere, inklusivere und verantwortungsvollere Governance sowohl auf nationaler als auch auf europäischer Ebene unterstützen können.
Panel 1: Design für alle?
Die erste Podiumsdiskussion, „Design for All?“, konzentrierte sich auf Barrierefreiheit, Inklusion und gelebte Erfahrung. Moderiert von Prof. Regina Hanke, MADres Project Lead und BEDA Board Member, brachte das Panel unterschiedliche Perspektiven dazu zusammen, wie Designentscheidungen den Zugang zu Kultur, Bildung und alltäglichen Umgebungen prägen.
- Rihards Funts (Studio Rihards Funts) teilte Einblicke aus seiner Praxis zu erfahrungsgetriebenem und inklusivem Design, basierend auf gelebten Perspektiven und kultureller Teilhabe.
- Katerina Katmada (KINVENT) beleuchtete auf Barrierefreiheit ausgerichtetes Design in digitalen und zivilgesellschaftlichen Systemen und zeigte, wie der Abbau von Barrieren breitere Teilhabe ermöglicht.
- Dr. Chele Esteve Sendra (Universitat Politècnica de València) untersuchte, wie Barrierefreiheit Handwerk, materielle Kultur und Technologie verbinden kann, um Ungleichheiten zu reduzieren und sozial responsivere Umgebungen zu schaffen.
Die Diskussion machte deutlich, dass inklusives Design kein Nischenthema ist, sondern eine grundlegende Verantwortung — und dass viele Umgebungen unbeabsichtigt ausschließend bleiben, eher aufgrund systemischer Gewohnheiten als aufgrund fehlender Absicht.
Deep Dive: Barrierefreiheit
Im Anschluss an das Panel leitete Tom Watts vom Design & Crafts Council of Ireland einen eigenen Deep Dive zur Barrierefreiheit. Statt sich auf Compliance zu konzentrieren, schuf die Session Raum für Reflexion und nutzte praktische Tools, um Haltungen, Annahmen und gelebte Perspektiven sichtbar zu machen, die durch die vorangegangenen Diskussionen geprägt wurden.
Zum Abschluss der Session bemerkte Tom Watts:
“Die Empathy Map war das perfekte Tool, um die Einstellungen der Menschen nach der Podiumsdiskussion zu erfassen. Man hatte das Gefühl, dass alle den Raum mit einer ganz anderen Perspektive verlassen haben als der, mit der sie gekommen sind.”
Panel 2: Design für Policy
Am Nachmittag verlagerte das Forum den Schwerpunkt mit Panel 2: Design for Policy auf Governance und Entscheidungsfindung; moderiert von Prof. Marzia Mortati vom Politecnico di Milano. Das Panel untersuchte, wie Design als strategischer Enabler in Policymaking und Innovation im öffentlichen Sektor wirken kann.
- Prof. Dr. Karel van der Waarde (Lucerne University) thematisierte die Rolle nutzerzentrierten Informationsdesigns, um Klarheit, Verständnis und informierte Entscheidungsfindung zu unterstützen.
- Svenja Bickert-Appleby (New Order Design) sprach über Co-Design und Ansätze der Kreislaufwirtschaft als Werkzeuge für systemischen Wandel und verantwortungsvolle Innovation im öffentlichen Sektor.
- Dr. Teri Okoro (UK Design Council & TOCA UK) reflektierte, wie Design Policy von der Intention zu praktischer, menschenzentrierter Wirkung gelangen kann, insbesondere im gebauten Umfeld.
Ein zentrales Fazit zog sich durch die Diskussion: Bei Design Policy geht es nicht um Ästhetik, sondern um Governance — darum, wie Entscheidungen getroffen werden, von wem und mit welchen langfristigen Konsequenzen.
Deep Dive: Designschutz und europäische Rahmenwerke
Später am Nachmittag widmete sich das Forum den regulatorischen und rechtlichen Dimensionen von Design. Sophia Bonne, Senior Advisor beim European Intellectual Property Office (EUIPO), leitete einen Deep Dive zu „Unlocking the Power of EU Design Protection“ und hob die Bedeutung kollektiver Aufmerksamkeit, rechtlicher Instrumente und gemeinsamer Standards für die Stärkung von Europas Design-Ökosystem hervor. Die gemeinsamen Diskussionen machten deutlich, wie wichtig eine präzise und geteilte Sprache ist, wenn es um Designschutz geht.
Deep Dive: Design Policy
Parallel dazu ordnete der Deep Dive zu Design Policy mit Piotr Swiatek (PDR) Advocacy als langfristige, relationale Arbeit ein — statt als einmalige Interventionen. Im Mittelpunkt der Diskussion standen die Bedeutung einer gemeinsamen Sprache, kontinuierlicher Präsenz und der Dialog mit Policymaker*innen zu deren eigenen Bedingungen.
„Bei Design Policy geht es nicht darum, mit fertigen Rahmenwerken anzukommen, sondern darum, präsent zu bleiben und dort zu übersetzen, zu zeigen und kreativ mit Policymaker*innen zu arbeiten, wo Entscheidungen tatsächlich getroffen werden.“ — Piotr Swiatek, PDR
Die offene Diskussion bestätigte, dass Teilnehmende aus verschiedenen Ländern dieselbe grundlegende Spannung erkannten: Design taucht an vielen Stellen in Policy auf, jedoch selten mit der Umsetzungsunterstützung, die dem Anspruch entspricht.
Design als zivilgesellschaftlicher und politischer Akt
Über Panels, Deep Dives und informelle Gespräche hinweg kehrte das Forum immer wieder zu einem gemeinsamen Verständnis zurück: Alles ist Design. Design formt Entscheidungen, verteilt Verantwortung und verankert Werte im Alltag. Damit ist Design grundsätzlich zivilgesellschaftlich und politisch — es beeinflusst, wie Gesellschaften handeln, entscheiden und einbeziehen.
Inspiriert von Europas langer Tradition kritischer Auseinandersetzung positionierte das BEDA Design Forum Design nicht nur als professionelle Disziplin, sondern als zivilgesellschaftliches Instrument — eines, das umsichtig, gemeinschaftlich und verantwortungsvoll gestaltet werden muss.
Ausblick
Das BEDA Design Forum 2026 brachte ein vielfältiges und pluralistisches europäisches Design-Ökosystem zusammen, das Regionen, Disziplinen und berufliche Hintergründe umfasste. Es markierte einen Schritt hin zur Positionierung von Design als strategischem Treiber für Europas digitale, ökologische und soziale Transformationen und bekräftigte zugleich die Rolle von BEDA als paneuropäischer Facilitator verantwortungsvoller Design-Leadership.
Ein herzliches Dankeschön an die lokalen Unterstützer*innen des Forums, die dies möglich gemacht haben: das Bayerische Staatsministerium für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie, Bayern Design und deren Leitveranstaltung, die Munich Creative Business Week.